Histamin bei Autoimmunerkrankungen: Eine integrative und klinische Perspektive

Anna Nadal

Physiotherapeut und Postgraduiertenstudium in Psychoneuroimmunoendokrinologie (PNIE)

Wussten Sie, dass Histamin nicht nur mit Allergien, sondern auch mit Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis, Lupus, Multipler Sklerose oder rheumatoider Arthritis in Verbindung gebracht wird?

In diesem Artikel erkläre ich Schritt für Schritt, wie Histamin und bestimmte Zellen – sogenannte Mastzellen – die Entstehung und den Verlauf dieser Erkrankungen beeinflussen können. Vor allem erfahren Sie, wie dieses Wissen Ihnen helfen kann, Ihre Gesundheit individueller zu unterstützen.

Histamin und Autoimmun-Hypothyreose: Was ist der Zusammenhang?

Die autoimmune Hypothyreose, auch bekannt als Hashimoto-Thyreoiditis, entsteht, wenn das Immunsystem fälschlicherweise die Schilddrüse angreift und dadurch ihre Funktion beeinträchtigt.

Mehrere Studien zeigen, dass viele Menschen mit Hashimoto auch Symptome im Zusammenhang mit Histamin aufweisen: Nesselsucht, Migräne, Verdauungsprobleme oder Müdigkeit.

Ein interessanter Fakt: Menschen mit chronischer spontaner Urtikaria (eine Erkrankung, die eng mit Mastzellen verbunden ist) haben ein fünf- bis siebenfach erhöhtes Risiko für Schilddrüsen-Autoantikörper (Anti-TPO).

Darüber hinaus zeigen experimentelle Studien, dass bei einer Schilddrüsenunterfunktion sowohl die Anzahl der Mastzellen als auch der Histaminspiegel im Gewebe ansteigen. Das heißt: Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen kann die Histaminempfindlichkeit des Körpers erhöhen und entzündliche Symptome verstärken.

Zudem wird angenommen, dass bei Menschen mit Hashimoto häufiger eine Histaminintoleranz auftritt – möglicherweise aufgrund von Ungleichgewichten im Mikrobiom oder einer verringerten Aktivität des Enzyms DAO, das Histamin im Darm abbaut. Die autoimmune Entzündung fördert die Histaminfreisetzung, und überschüssiges Histamin kann wiederum die Schilddrüsenentzündung verschlimmern – ein Teufelskreis.

Ein achtsamer Umgang mit Histamin kann daher Teil eines ganzheitlichen Ansatzes zur Linderung von Beschwerden sein, auch wenn die zentrale Therapie auf der Regulierung der Schilddrüsenautoimmunität beruht.

Histamin und Lupus: Verstärkte Entzündung

Systemischer Lupus erythematodes (SLE) ist eine komplexe Autoimmunerkrankung, die verschiedene Organe betrifft: Haut, Nieren, Gelenke, Herz …

In geschädigtem Gewebe von Lupus-Patient:innen wurden erhöhte Mengen aktiver Mastzellen nachgewiesen. Diese Zellen setzen nicht nur Histamin, sondern auch gewebeabbauende Enzyme wie Metalloproteinasen (MMPs) frei.

Es gibt zudem Hinweise, dass genetische Variationen im Histamin-Stoffwechsel die Anfälligkeit für Lupus beeinflussen könnten. Eine Studie zeigt, dass Veränderungen im H4-Histaminrezeptor-Gen mit einem erhöhten Risiko für SLE verbunden sind. Dieser Rezeptor kommt auf Immunzellen wie T-Zellen und dendritischen Zellen vor und beeinflusst deren Wanderung und Aktivierung.

In der Praxis berichten manche Lupus-Betroffene über allergieähnliche Symptome (z. B. Nesselsucht, Angioödeme) während Krankheitsschüben. Das legt nahe, dass Histaminfreisetzung und Autoimmunaktivität parallel auftreten können. Während Lupus in erster Linie mit immunsuppressiven Medikamenten behandelt wird, kann eine begleitende antihistaminerge Therapie unterstützend wirken.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nerven im Gehirn und Rückenmark angreift.

Mastzellen kommen auch im Nervensystem vor und können – durch die Freisetzung von Histamin, TNF-α, IL-1β und Proteasen – die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen. Das ermöglicht es Immunzellen, ins Nervengewebe einzudringen und dort entzündliche Läsionen zu verursachen.

Während MS-Schüben wurde eine erhöhte Mastzellaktivität im Gehirn beobachtet, die mit der Einwanderung von Immunzellen einhergeht. Außerdem sind Histaminwerte in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit von MS-Patient:innen oft höher als bei gesunden Menschen.

Einige Tierversuche zeigen, dass Antihistaminika oder Mastzellstabilisatoren die Krankheitsaktivität verringern können. Das deutet darauf hin, dass Histamin ein verstärkender Faktor bei neuroinflammatorischen Prozessen sein könnte.

Rheumatoide Arthritis: Schmerzen, Histamin und Gelenkentzündung

Die rheumatoide Arthritis ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die vor allem die Gelenke betrifft und dort zu Schwellung, Schmerzen und Gewebeschäden führt.

In entzündetem Gelenkgewebe wurden hohe Mengen an Mastzellen und Histamin nachgewiesen. Histamin trägt zur Gefäßerweiterung und erhöhten Durchlässigkeit bei – dadurch gelangen mehr Immunzellen in das Gelenk.

Außerdem wirkt Histamin auf H1-Rezeptoren in den Nervenendigungen, was Schmerzen verstärkt. Es fördert auch die Aktivierung von Osteoklasten – Zellen, die am Knochenabbau beteiligt sind.

Studien an Tieren zeigen, dass die Blockade des H4-Rezeptors die Symptome der Arthritis deutlich lindern kann.

Mastzellen und stille Entzündungen

Mastzellen sind Wächterzellen des Immunsystems. Wenn sie aktiviert werden, setzen sie eine Vielzahl entzündlicher Botenstoffe frei: Histamin, Heparin, Tryptase, Zytokine, Prostaglandine usw.

Chronisch leicht aktivierte Mastzellen können über längere Zeit kleine Mengen Histamin freisetzen – genug, um eine stille, unterschwellige Entzündung zu fördern. Diese Art von “low-grade inflammation” steht im Verdacht, Autoimmunprozesse zu begünstigen.

Interessanterweise kann auch die Ernährung oder das Mikrobiom Mastzellen beeinflussen. Zum Beispiel können histaminreiche Lebensmittel oder bestimmte Darmbakterien das Histaminlevel erhöhen und Entzündungen verschärfen.

Es gibt zunehmend Hinweise, dass Mastzellaktivierungssyndrome (MCAS) bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen häufiger vorkommen – etwa bei Hashimoto oder Kollagenosen.

Das bedeutet: Bei manchen Betroffenen gehen Autoimmunität und eine überaktive Mastzellreaktion Hand in Hand – und sollten gemeinsam beachtet werden.

Was kann man tun?

Auch wenn noch mehr Forschung notwendig ist, können einige integrative Maßnahmen helfen:

  • Eine entzündungsarme und ggf. histaminarme Ernährung
  • Aufbau eines gesunden Darmmikrobioms und Schutz der Darmbarriere
  • Lebensmittel mit mastzellstabilisierenden Inhaltsstoffen: Quercetin, Kurkuma, Omega-3…
  • Verzicht auf Alkohol, stark verarbeitete Lebensmittel oder bekannte Histaminliberatoren
  • Gezielte Nahrungsergänzung, wie z. B. Naturdao DAO-Präparate (je nach Bedarf)
  • Stressregulation und Reduktion chronischer Nervensystemüberreizung

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Verständnis der Rolle von Mastzellen, Histamin und dem Immunsystem eröffnet neue Möglichkeiten für eine individuellere Betreuung bei Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, Lupus, MS oder rheumatoider Arthritis.

QUELLEN


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